Digitale Unabhängigkeit vs. US Cloud Act: Warum Behörden und Firmen jetzt handeln müssen

von der Redaktion

Europa befindet sich in einer signifikanten technologischen Asymmetrie gegenüber den Vereinigten Staaten. Konzerne wie AWS, Google, Oracle, Broadcom und insbesondere Microsoft dominieren die IT-Infrastruktur. Eine Marktanalyse im Auftrag des Bundesinnenministeriums offenbart eine Marktabdeckung von 96 Prozent durch Microsoft-Produkte in deutschen Behörden. Diese Monopolstellung betrifft essenzielle Anwendungen wie Teams, Word und Excel.

Diese Dominanz birgt rechtliche und geopolitische Risiken. Zentrales Problem ist der US Cloud Act, ein US-Gesetz, das amerikanischen Behörden den Zugriff auf Daten erlaubt, auch wenn diese auf Servern innerhalb der EU gespeichert sind. Ein physischer Serverstandort in Europa schützt somit nicht vor dem Zugriff durch US-Institutionen. Zwar gab es laut Microsoft bis 2024 nur wenige Anfragen dieser Art, doch die politische Volatilität in den USA – Stichwort „Trump 2.0“ – verschärft die Bedrohungslage. Szenarien wie Strafzölle oder eine politisch motivierte Abschaltung von Cloud-Diensten könnten europäische Verwaltungen theoretisch von einer Sekunde auf die andere handlungsunfähig machen. Dänemark dient hier als Warnbeispiel: Sollten US-Cloud-Dienste abgeschaltet werden, stünde die dänische Verwaltung laut Expertenmeinung binnen einer Stunde still.

Staatliche Initiativen und Open-Source-Projekte

Um dieser Erpressbarkeit entgegenzuwirken, forcieren Deutschland und Frankreich eigene Lösungen. Im Zentrum steht dabei Open Source Software, also Programme, deren Quellcode öffentlich einsehbar und veränderbar ist, was Transparenz und Unabhängigkeit erhöht.

  • Projekt Open Desk: Diese vom Zentrum für digitale Souveränität (Zendis) entwickelte Arbeitsplatz-Suite integriert verschiedene offene Komponenten. Dazu gehören Nextcloud als Dateimanager, Collabora Online für Office-Dokumente und Element als Nachrichtendienst. Zielgruppe sind Behörden und Unternehmen, die eine Alternative zu Microsoft 365 suchen.
  • Projekt Docs: Eine Kooperation zwischen Deutschland, Frankreich und den Niederlanden zielt darauf ab, eine quelloffene Alternative zu Tools wie Notion oder Google Docs zu schaffen.
  • Strategie der Kapselung: Die Bundesregierung setzt parallel auf die SAP-Tochter Delos, während Frankreich das Unternehmen Bleu nutzt. Diese Firmen sollen Microsoft-Dienste in speziellen, isolierten Rechenzentren betreiben. Da es sich juristisch um europäische Betreiber handelt, soll der direkte Durchgriff von US-Behörden erschwert werden – eine Lösung, die zumindest auf dem Papier Sicherheit verspricht.

Politische Bewertung und Hemmnisse

Trotz ambitionierter Ankündigungen in Koalitionsverträgen klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zwar wird digitale Souveränität politisch propagiert, die Umsetzung verläuft jedoch schleppend. Das Projekt Open Desk verzeichnete im April 2025 lediglich rund 70.000 Nutzer in allen Bundesländern, was angesichts von Millionen PC-Arbeitsplätzen in der Verwaltung eine verschwindend geringe Quote darstellt.

Kritiker bemängeln das langsame Tempo beim Aufbau des Digitalministeriums sowie fehlende finanzielle Mittel für eine echte IT-Wende. Zudem ist der Einfluss der US-amerikanischen Hyperscaler – also der großen Cloud-Infrastrukturanbieter – durch intensive Lobbyarbeit weiterhin stark. Oft werden Rahmenverträge mit US-Anbietern verlängert, statt konsequent auf europäische Alternativen zu setzen. Interessanterweise zeigt eine Erhebung von Nextcloud, dass Privatpersonen und mittelständische Unternehmen bei der digitalen Unabhängigkeit oft weiter fortgeschritten sind als staatliche Stellen, da sie flexibler auf Alternativen umsteigen können.

Strategien für den Umstieg: Ein Praxis-Leitfaden

Für Unternehmen und Privatpersonen, die ihre Datenhoheit zurückgewinnen wollen, existieren bereits funktionierende Pfade abseits der US-Giganten. Der Prozess beginnt idealerweise mit einer strikten Datenhygiene: Vor einer Migration sollten unnötige Daten gelöscht und Strukturen bereinigt werden, um keinen „Datenmüll“ umzuziehen.

Technisch bewährt sich eine hybride Strategie:

  1. Cloud-Speicher: Für den täglichen Workflow und die Synchronisation über Geräte hinweg (z. B. Smartphone zu PC) eignet sich Nextcloud. Wer keinen eigenen Server betreiben möchte, kann auf spezialisiertes Webhosting zurückgreifen. Anbieter wie Ionos stellen hierfür beispielsweise gemanagte Nextcloud-Instanzen bereit, die Datenschutzkonformität mit einfacher Handhabung verbinden.
  2. Hochsicherheits-Speicher: Für besonders sensible Dokumente (Ausweise, Verträge) bieten sich verschlüsselte Dienste wie Proton Drive an, die ihren Sitz in der Schweiz haben.
  3. Lokale Sicherung: Als physisches Backup dient ein NAS (Network Attached Storage). Das ist ein mit dem Netzwerk verbundener Speicherserver, der idealerweise im RAID-Verbund läuft (Spiegelung der Daten auf mehrere Festplatten zur Ausfallsicherheit).
  4. Offline-Backup: Die letzte Verteidigungslinie bildet eine externe SSD oder ein USB-Stick, der getrennt vom Netzwerk an einem sicheren Ort aufbewahrt wird.
Digitale Unabhängigkeit - Infografik

Fazit und Ausblick

Die technische Machbarkeit digitaler Souveränität ist durch Lösungen wie Open Desk und Nextcloud belegt. Es mangelt nicht an Alternativen, sondern primär an der konsequenten Integration in bestehende Strukturen. Eine langfristige Strategie ist unabdingbar, um sich von politischen Schwankungen in den USA unabhängig zu machen. Initiativen wie der „Digital Independence Day“ zeigen, dass der Wechsel durch Community-Support und gegenseitige Hilfe beschleunigt werden kann. Echte Unabhängigkeit erfordert jedoch Investitionen in europäische Infrastruktur statt reiner Symbolpolitik.